Der Regierungsrat legte eine überarbeitete Fassung des Berufsauftrags vor, weil die Überzeit der Lehrpersonen im Dunkeln blieb. Doch die Anpassungen griffen zu kurz und unterschätzten die Arbeitsbelastung, vor allem bei Klassenlehrpersonen. Livia Knüsel arbeitete in der KBIK intensiv am tragfähigen Kompromiss mit, der gestern im Rat eine Mehrheit fand
Worum geht es?
Mit der Revision des Berufsauftrags wollte der Regierungsrat die Aufgaben von Lehrpersonen aktualisieren und deren Ressourcen anpassen. Vorgesehen war unter anderem eine Erhöhung der jährlichen Pauschale für Klassenlehrpersonen von bisher 100 auf neu 120 bzw. 140 Stunden. Gleichzeitig verzichtete der Regierungsrat vollständig auf eine Erhöhung der Lektionenvorbereitung.
Die dafür zuständig Kommission für Bildung und Kultur setzte sich intensiv mit den Zahlen, wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Rückmeldungen aus der Praxis auseinander. Herausgekommen ist ein breit abgestützter Kompromiss von Grünen, SP, GLP und EVP: eine Klassenlehrpauschale von 160 Stunden sowie eine zusätzliche Vorbereitungsstunde, was einem sogenannten Lektionenfaktor von 59 Stunden entspricht.
Warum ist das wichtig?

Die Anforderungen an Lehrpersonen sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Klassenlehrpersonen tragen eine umfassende Verantwortung für ihre Schülerinnen und Schüler, die weit über den Unterricht hinausgeht. Individualisiertes Lernen bedeutet, auf den Lernstand eines jeden Kindes einzugehen und dabei eine Kompetenzspanne von Lernschwierigkeiten bis Hochbegabung abzudecken. Dies erfordert engste Zusammenarbeit mit therapeutischen Fachpersonen und Fachstellen. Zunehmend komplexe Elternarbeit, Kontakte mit der Schulsozialarbeit, Betreuung während der Pausen und weitere Aufgaben gehören heute selbstverständlich dazu. Schule ist damit längst mehr als reine Wissensvermittlung. Wird diese Mehrleistung nicht anerkannt, verliert der Lehrberuf an Attraktivität.
Lehrpersonen müssen sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können – das Unterrichten und die Betreuung der Klasse – andernfalls droht eine schleichende Verwässerung zentraler Aufgaben.
Studien zeigen, dass Lehrpersonen regelmässig Überzeit leisten, weil zentrale Aufgaben nur pauschal abgegolten werden. Die Berechnungen etwa des ZLV weisen für Klassenlehrpersonen einen effektiven Bedarf von rund 250 Stunden aus – weit entfernt von der regierungsrätlichen Vorlage. Auch die 58 Stunden für die Lektionenvorbereitung sind heute klar unterdotiert.
Werden diese Leistungen nicht anerkannt und ausreichend Ressourcen zur Verfügung gestellt, leidet die Attraktivität des Lehrberufs. Das wirkt sich direkt auf die Qualität der Schule aus, denn Lehrpersonen müssen sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können: das Unterrichten und die Betreuung ihrer Klasse.
Unser Standpunkt
Der im Kantonsrat obsiegendende Kompromissvorschlag der KBIK führt zu Mehrkosten von 17.7 Millionen für den Kanton, 67.3 Millionen für die Gemeinden.
Wir verstehen, dass dies bei den Gemeinden Besorgnis ausgelöst hat. Finanzielle Überlegungen dürfen aber nicht allein ausschlaggebend sein, wenn es um faire Arbeitsbedingungen geht
Wir Grüne setzen uns seit Jahren für eine ressourcengerechte Ausstattung des Lehrberufs ein. Frühere Vorstösse im Kantonsrat zur Erhöhung der Lektionenvorbereitung auf 62 Stunden sowie der Klassenlehrpauschale auf 200 Stunden haben wir aktiv unterstützt. Auch unser Minderheitsantrag zur regierungsrätlichen Vorlage sah erneut 200 Stunden vor – damit wollten wir unser stets konsequentens Eintreten für faire Arbeitsbedingungen untersrtreichen. Wir hielten aber nicht daran fest, weil wir anerkennen, dass selbst berechtigte Höchstforderungen unter den heutigen Rahmenbedingungen nicht vollständig umsetzbar sind.
Der Kompromiss ist für uns vernünftig, ausgewogen und ein wichtiger Schritt hin zu fairen Arbeitsbedingungen – und damit zu einer starken Volksschule.



